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RIOJA BLOG

Mein Freund, der Baum

 

oder: Von Wein und Holz

Es sind nur ein paar Bretter, und doch teilen sie die Weinwelt in zwei Lager. Auf der einen Seite stehen die Barrique-Fanatiker, für die es ohne Eichenfass keinen Spitzenwein gibt. Ehrfürchtig zitieren sie Küfereinamen, Röstgrad der Fässer, Neuholzanteil und Dauer des Ausbaus, als wären das die allentscheidenden Kriterien für die Weinqualität. Im anderen Lager gehört es dagegen fast schon zum guten Ton, Weine mit Barrique-Ausbau zu schmähen. Von „Holzbomben“ ist da die Rede und von „Parker-Weinen“, nach Robert Parker, dem angeblich mächtigsten Weinkritiker der Welt (was ich zu bezweifeln wage – oder wollen sich Weinfreunde und -produzenten wirklich als so folgsame Schäfchen sehen?), dem gerne unterstellt wird, er möge nur Weine, die so konzentriert sind wie Marmelade, so ausladend wie ein Cadillac und so eichenwürzig wie ein ganzer Wald (was ich ebenfalls zu bezweifeln wage). Und da wir gerade schon dabei sind, auf den Amerikanern rumzuhacken: Die schlimmsten Holz-Wuchtbrummen, hört man immer wieder, ergäben Barrique-Fässer aus amerikanischer Eiche.

Das arme Fass, dem die ganze Verantwortung für Gedeih oder Verderb eines Weins aufgebuckelt wird! Die Wahrheit ist natürlich wie immer komplexer. Ob der Barrique-Ausbau einen Wein krönt oder ruiniert, hängt nach meiner Erfahrung von drei Dingen ab:

1) Die Qualität des Weins

Zur Erinnerung: Wein wird aus Trauben gemacht. Und wenn die misslungen sind, unreif, angefault, verwässert, kann dabei nichts Gutes herauskommen – da hilft auch kein Barrique. Umgekehrt sind reife, gesunde, sorgfältig verarbeitete Trauben die beste Basis für einen Wein, der durch den Fassausbau noch gewinnen kann. Logisch, oder?

2) Die Qualität des Fasses

Die spielt natürlich auch eine Rolle. Und ein gutes Fass herzustellen, ist komplizierter, als man denkt, wie ich bei einer Führung durch eine Fassküferei erfahren durfte. Hier nur ein paar der vielen Dinge, auf die man achten muss: Qualitativ hochwertige Barriques entstehen aus dem feinporigen Holz langsam gewachsener Eichen, denn das hat das größte Aromapotenzial. Die Dauben sollten mindestens zwei Jahre an der frischen Luft trocknen, damit sich der unangenehme Geruch von grünem Holz abbaut. Manche Hersteller bieten sogar Fässer aus fünf Jahre getrocknetem Holz – sozusagen der Rolls Royce unter den Barriques! Vor dem Gebrauch werden die Fässer ausgebrannt; die Stärke dieses so genannten Toastings bestimmt, welche Aromen anschließend in den Vordergrund treten. Leicht und mittelstark angeröstete Fässer duften eher nach Vanille- und Kokosnuss, stärker getoastete Barriques eher nach Gewürznelke, Kaffee, Karamell, Schokolade, geröstetem Brot oder Rauch.

3) Das Fingerspitzengefühl des Winzers

Jetzt kommt die entscheidende Etappe: die Dosierung des Holzausbaus durch den Winzer. Welche und wie viele Barrique-Aromen in den Wein übergehen, hängt von der Wahl des Fasses ebenso ab wie von der Ausbaudauer und vom berühmten Neuholzanteil – das ist Wein-Slang für den Prozentsatz an Fässern, die vorher noch nie benutzt wurden. Wichtig ist das deswegen, weil jungfräuliches Holz mehr Aromen in den Wein abgibt als schon benutzte Fässer. Und dann bleibt da noch die Frage „Französische oder amerikanisches Eiche?“ Überraschung: Die Unterschiede sind zwischen Qualitätshölzern (zum Beispiel aus dem französischen Allier und dem US-Bundesstaat Missouri) gar nicht so groß. Die entscheidende Differenz ist, dass amerikanisches Holz seine Aromen in der Regel schneller an den Wein abgibt als französisches. Ergo das Missverständnis „Ami-Holz gleich Eichenbombe“. Winzern, die mit Barriques aus US-Holz umgehen können, passiert das nicht. Das beste Beispiel dafür ist die Rioja: Die Riojaner verwenden schon seit hundert Jahren amerikanische Eiche und waren damit Pioniere in Europa. Kein Land der Welt hat mehr Erfahrung auf diesem Gebiet – noch nicht einmal die USA, deren Qualitätsweinbau ja noch vergleichsweise jung ist. 1,2 Millionen Fässer liegen heute in den Bodegas der Rioja. Entsprechend schmeckt man in den großen Gewächsen des Gebiets amerikanische Eiche in Bestform: den Wein diskret abrundend und unterstützend und niemals überpowernd.

Am Ende ist die Frage „Barrique oder nicht Barrique“ natürlich Geschmacksache. Eiche steuert Komplexität bei, aber nicht jeder mag ihre Gewürz- und Röstaromen. Manche Weinfreunde ziehen einfach den puren Fruchtgeschmack eines nicht vom Holz geküssten Tropfens vor. Die Riojaner als Eichenexperten haben übrigens auch hierfür eine gute Lösung gefunden: Vom Jóven über den Crianza und Reserva bis zum Gran Reserva bieten sie Holzdosierungen für jeden Gaumen an – vom Barrique-Verächter bis zu Robert Parker.