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RIOJA BLOG

Wörter für den Wein

oder: Von Coca Cola und Katzenpipi

 

„Sehr ausdrucksvoller Wein, Aromen von spätreifer Kirsche, verbrannten Autoreifen und ein Hauch Chanel No. 5…“ Okay, diese Verkostungsnotiz ist ein pures Fantasieprodukt, aber wie oft haben Sie schon eine solche oder ähnliche Weinbeschreibung gelesen oder gehört? Da ist die Rede von „lauchigen Cassisnoten“ (wahres Beispiel), „Zitrustrester“ (dito) oder „Coca-Cola-Holzton“ (dito).

 Ich bin immer ganz hin- und hergerissen, wenn ich so etwas lese. Einerseits bin ich ja nicht für Maulkörbe und finde, jeder soll sich nach Herzenslust ausdrücken dürfen, ohne dafür verlacht zu werden. Zumal er die Wissenschaft auf seiner Seite hat. Die hat nämlich bewiesen, dass jeder Mensch Gerüche anders empfindet. Die Wahrnehmung variiert mit der Konzentration des Duftstoffs und der persönlichen Sensibilität der Testperson (hier: der Weintrinker). Es gibt beispielsweise ein Weißweinmolekül, das mit steigender Menge erst angenehm nach Johannisblüte riecht, dann schon etwas unangenehmer nach Buchsbaum und schließlich penetrant nach Katzenpipi. Je nachdem, wie empfindlich Sie für dieses Aroma sind, schwärmt Ihr Tischnachbar vielleicht noch von „wunderbaren Blumendüften“ in seinem weißen Rioja, während Sie unauffällig nachgucken, was die Mieze da wohl gerade unter dem Tisch anstellt. Auch kulturelle Prägung spielt eine große Rolle. So beschreiben Europäer ein bestimmtes Duftprodukt gereifter Rot- und Süßweine gerne als Popcorn, Asiaten dagegen als Reiswasser. Wir können schließlich nur das aus unserem Duftgedächtnis abrufen, was wir kennen. Wenn man also zu viel Coca Cola trinkt… Ich persönlich habe übrigens ein Problem mit Vanillin. Dieses Aroma, das jedes Kind aus der Backküche kennt, stammt aus dem Eichenholz des Barriques und kommt darum in praktisch jedem fassgereiften Rot-und Weißwein vor. Der größte Teil der Menschheit liebt diesen Duft, auch im Wein (frühkindliche Prägung durch Plätzchenbacken, nehme ich an). Nur für mich riecht das Molekül in hoher Konzentration bedauerlicherweise nach nassem Pappkarton – was, nebenbei bemerkt, meine Liebe zu Rioja-Weinen erklären könnte, denn hier ist der Holzeinsatz in der Regel so gekonnt und unübertrieben, dass selbst ich statt Umzugskisten im Regen leckere Vanillenoten rieche. Wie könnte aber nun gerade ich jemandem verbieten, in einem Wein lauchige Cassis-Noten auszumachen? Also: Redefreiheit für alle! Andererseits: Weingenuss ist ja erst wirklich Genuss, wenn man ihn mit anderen teilt. Und so sehr das Austauschen persönlicher Sinneseindrücke in heiterer Dinner-Runde zum Amüsement beitragen kann, so sehr wünsche ich mir in einer Zeitschrift oder auf einer Wein-Website Degustationsnotizen, die auch der Rest der Welt (der gerade nicht das Glas zum Artikel in der Hand hat und sich deshalb alles im Kopf vorstellen muss) nachvollziehen kann. Denn wenn man sich zu abgehoben ausdrückt, wird das Reden über Wein schnell zum Selbstgespräch. Und das ist ja genau das Gegenteil von dem, was Wein sein soll: Anlass zur Geselligkeit, zum Austausch, zum Miteinander. Bei einer Weinbeschreibung kommt es also letztlich nicht darauf an, sich gegenseitig mit möglichst ausgefallenen Vokabeln zu übertreffen, sondern den Wein als Ganzes zu erfassen. Wie man dieses Ziel erreicht, ist am Ende dann schon wieder egal. Die extravaganteste Degustationsnotiz, die ich je gelesen habe (ging es um Rioja?), lautete ungefähr so: „So viel Brombeermarmelade der feinsten Art habe ich kaum je in einem Wein genossen. Das verkostet sich nicht, das isst sich, langsam und mit Genuss. Als würde man in einen vollen, knackigen Hintern beißen.“ Das versteht doch jeder, oder?